Zukunft des Gemeindewaldes ungewiss: „Hängt alles vom Klimawandel ab“

Wer in den vergangenen Tagen in den Wäldern rund um Herscheid unterwegs war, dürfte deutlich zu spüren bekommen haben, dass alles anders ist, als es einmal war. Das einst idyllische Bild wird geprägt von meterhohen Holzstapeln, die an den Wegesrändern liegen, lautstarken Harvestern, die ihre Arbeit verrichten und kahlen Waldflächen, soweit das Auge reicht. Das Wetter in den vergangenen Wochen tat sein Übriges und verwandelte die einst gut begehbaren Waldwege in Wüsten aus Stein und Matsch. Warum auch die Zukunft der Herscheider Wälder größtenteils vom Wetter und dem Klimawandel abhängen, erklärt der zuständige Forstamtmann Klaus Kermes.

Ein Spaziergang am Katerlöh: Rechts und links liegen riesige Baumstapel.

„Besonders seit Mai 2020 ist der Zustand in unseren Wäldern gravierend“, bedauert Klaus Kermes, Leiter des Forstbetriebsbezirks Herscheid die aktuelle Situation und die großflächige Abholzung. Er ist unter anderem für den Gemeindewald zuständig, der etwa 60 des insgesamt etwa 3300 Hektar großen Waldgebiets in Herscheid umfasst. Etwa 50 Prozent davon sind Fichtenbestände, die jetzt größtenteils abgeholzt werden. Die Bäume sind abgestorben und müssen raus aus dem Wald, damit sie nicht zur Gefahrenquelle werden.

Als Kommune mit einem Waldanteil von rund 35 Quadratkilometern hat der Wald für Herscheid insgesamt eine große Bedeutung. Darauf weist auch der Hirsch im Wappen der Gemeinde hin.
Der Kommunalwald der Gemeinde erfüllt eine Vielzahl verschiedener Funktionen. Er steht dem Staatswald nahe und ist dem Gemeinwohl verpflichtet. Er liefert also nicht nur entscheidende Rohstoffe und Energieträger, sondern dient auch der Erholung und der Umsetzung wichtiger Naturschutzziele.
Als Wirtschaftswald trägt er aber auch zum Gemeindehaushalt bei und ist ein wertvoller Vermögensgegenstand in der Bilanz. Die gegenwärtige Situation führt also auch für die Gemeinde zu erheblichen finanziellen Verlusten zu Lasten der Allgemeinheit.

Schuld am Absterben der Bäume seien in erster Linie die gravierenden Niederschlagsdefizite der vergangenen Jahre. „Die Fichte, die es ja besonders hart getroffen hat, ist eigentlich sehr genügsam, was den Boden angeht“, erklärt Klaus Kermes. Dennoch brauche sie sehr viel Wasser, das leider in 2018 und 2019 besonders rar war. „Die Fichte wurzelt sehr flach, kann also nicht an die unteren Bodenschichten, um dort an Wasser zu gelangen“, so Kermes weiter.

Die trockene und regenarme Zeit war Leid für die Bäume und Freud für den Borkenkäfer, der sich rasend sehr schnell ausbreitete und für den die geschwächten Fichten ein „Eldorado“ darstellten, wie Kermes erklärt. Borkenkäfer vermehren sich sehr schnell und sind besonders seit 2019 in den heimischen Wäldern zur regelrechten Plage geworden. „Durch unsere Fallen-Anlagen können wir die Entwicklung der Käfer sehr gut beobachten und analysieren. In diesem Jahr haben wir jetzt bereits die 4. Generation von den Käfern, die sich millionenfach in nur wenigen Monaten vermehren“, so Kermes. Bei dieser Anzahl käme auch der natürliche Fressfeind, wie beispielsweise der Specht, nicht mehr hinterher. Hinzu komme, dass der Borkenkäfer sehr widerstandsfähig sei. Nicht mal die Tiefkühltruhe bei Klaus Kermes Zuhause, mit einer Temperatur von minus 18 Grad, kann den Käfer schocken. Er habe zu Forschungszwecken versucht, die Käfer einzufrieren. „Als ich sie wieder aufgetaut habe und an die Hühner verfüttern wollte, sind welche von ihnen wieder weggeflogen“, ist Kermes immer noch sehr erstaunt über die besonderen Fähigkeiten der kleinen Lebewesen.

Forstamtmann Klaus Kermes vermutet, dass vor allem der Sturm Friederike, der bereits am 18. Januar 2018 durchs Land fegte, das Waldsterben nach sich zog. Seine Erklärung: Die Bäume wurden damals so nachhaltig geschwächt, dass der Borkenkäfer anschließend ein leichtes Spiel hatte. Hinzu kam die nachfolgende extreme Trockenheit.  

Um sich das Ausmaß der aktuellen Abholzung besser vorstellen zu können, vergleicht Kermes die jetzige Situation mit der nach dem Orkan Kyrill im Januar 2007: Damals seien der Naturkatastrophe im Gemeindegebiet etwa 100 Hektar Waldfläche zum Opfer gefallen, aktuell seien es etwa 400 Hektar, die jetzt weichen müssten. „Ein deutlich gravierenderes Ausmaß“, so Klaus Kermes.  Insgesamt seien nach dem Orkan Kyrill in ganz NRW etwa 17 Millionen Festmeter Holz aus dem Wald geholt worden, dieses Jahr werden es laut Kermes Schätzungen etwa 40 Millionen Festmeter sein. Dimensionen, die sich vor wenigen Jahren noch niemand hätte wirklich vorstellen können.

Was jetzt mit dem Holz passiert, das stapelweise an den Waldwegen liegt, darauf könne Kermes nur bedingt antworten. „Ein großer Teil geht erst einmal an die heimischen Sägewerke. Ein weiterer Teil wird nach China exportiert. Es wird aber sicherlich einiges übrigbleiben. Wir wissen noch nicht, was damit passieren soll“, so der Forstamtmann. „Das Holz bleibt selbstverständlich nicht im Wald liegen, das ist sicher. Schon alleine aus Sicherheitsgründen ist das nicht möglich“, erklärt er. Bis die Waldwege wieder so benutzbar sind, wie vor der Abholzung, könne es jedenfalls noch dauern. „Schön ist das natürlich nicht, das kann ich auch alles verstehen. Dennoch können wir es aktuell einfach nicht ändern. Die Wege werden sicherlich alle wieder befestigt werden. Wann und wie das passiert, das können wir jetzt aber noch nicht sagen“, erklärt der Bezirksförster.

Ähnlich sieht es mit Prognosen zur Aufforstung aus. Auf die Fichte werde man zukünftig wohl eher nicht mehr setzen. Man tendiere eher zur Buche, Esche, Erle oder zur Douglasie. Allerdings müsse man nach Standorten gehen, denn jede Art braucht andere Gegebenheiten, um zu wachsen und auf Dauer zu überleben.

Ob wir jemals wieder einen dichten Wald bekommen, hängt vom Klimawandel ab, da ist sich Klaus Kermes sicher. Da könne man noch so viel anpflanzen – am Ende steht und fällt alles mit den äußeren Einflüssen: „Eine Frostnacht kann jahrelange Arbeit zunichtemachen“.